Archiv für August 2010

Berlin: Räumung Umsonstladen

Heute früh wurden von ca. 150 Bullen und dem obligatorischen Gerichtsvollzieher der Umsonstladen in der Kastienallee geräumt.
Die Bullen gingen hierbei in gewohnt unfreundlicher Manier gegen die Besetzer vor. Rund 50 Menschen bekundeten während der Räumung vor dem Haus ihre Solidarität.
Mit dem Umsonstladen verschwindet ein weiterer unkommerzieller Freiraum von der Bildfläche.
Fast widerstandslos scheinen die Herrschenden ihre Besitzverhältnisse sichern zu können. Nach nicht ganz einem Jahr militanter Gegenwehr scheint Berlin nun wieder in lethargischer Art und Weise seinem schicksal entgegen zu blicken.

Steigende Mieten, Bullengewalt und pausenlose entwürdigung auf dem Arbeitsamt, bei der Arbeit oder bei den alltäglichen Kontrollen durch Bullen, Ordnungsamt und Gerichtsvollzieher werden zum Alltag.

Lasst uns zeigen das wir auch anders können!

Quelle: Indymedia

Temporäre Besetzung auf Sankt Pauli

In der Nacht zu Samstag kommt es auf St. Pauli zu einer temporären Besetzung des Mui-Hotels in der Budapester Straße. AktivistInnen der Initiative LEERSTAND IN UNSER´ HAND! öffnen die Tür, dringen ins Gebäude ein und hängen gut sichtbar ein Transparent an die Fassade des Hauses: „Zu schön um leer zu sein. Für ein Recht auf Wohnraum.“ Die temporäre Besetzung des Hotels ist als Auftakt einer Reihe von Aktionsformen zu verstehen, die sich gegen die politisch verursachte Wohnungsnot in Hamburg richtet.
Wohnungsnot in Hamburg

Das Mui-Hotel steht seit mehreren Jahren leer – und steht damit in Hamburg nicht allein dar. Mehr als 1,2 Millionen Quadratmeter Büroflächen stehen leer und in den nächsten zwei Jahren werden noch einmal 600.000 Quadratmeter in neuen Immobilien dazukommen. Gleichzeitig gibt es in den innenstadtnahen Wohnvierteln einen akuten Mangel an Wohnraum. Schaut man genau hin, sind die Symptome dessen an jeder Ecke wahrnehmbar. So sind beispielsweise die Mieten auf Sankt Pauli zwischen 2005 und 2009 um 27,7% gestiegen; viele Hamburgerinnen und Hamburger geben nahezu 50% ihres gesamten Nettoeinkommens für ihr Zuhause aus. Parallel dazu wird der soziale Wohnungsbau immer weiter zurückgefahren [die Zahl der Sozialwohnungen sank von über 150.000 (2000) auf rund 105.000 (2007)], so dass sich mittlerweile auf jedes Angebot der SAGA-GWG 120 Wohnungs-suchende bewerben.

Die Politik verschließt die Augen

Wie verhält sich die städtische Politik dazu? Sie setzt diesen Entwicklungen nicht nur nichts entgegen, sondern warnt gar vor einem „hektischem Gegensteuern“ [Stadtentwicklungs-senatorin Hajduk (GAL)]. An dieser Stelle fragt die Politik nicht danach, ob eine stadtentwicklungspolitische Idee bzw. Maßnahme für das Viertel und die dort lebenden Menschen sinnvoll erscheint. Vielmehr wird danach gefragt, ob das Vorgeschlagene der ökonomischen Logik des Wachstums – der Effizienz – zuträglich ist. Moralische und soziale Erwägungen werden vermieden und sich auf die Kriterien von Gewinn und Verlust beschränkt. Wer dabei keine Kaufkraft vorzuweisen hat, gilt für die Politik als nicht mehr relevant.

Wohnungsleerstände kennzeichnen und Aktionen machen

Da wir davon ausgehen, dass die Verdrängung bestimmter Bevölkerungsgruppen aus den innenstadtnahen Vierteln ungebremst weiter vorangetrieben wird, kündigen wir hiermit eine Reihe von unkonventionellen Aktionsformen des Protests an. Wir fordern eine Wohnungspolitik, die sich an den Bedürfnissen der MieterInnen und Wohnungssuchenden orientiert.

Am 4. September findet das Straßenfest im Schanzenviertel unter dem Tenor „Für die Aneignung des öffentlichen Raumes! Gegen Repression und Vertreibungspolitik!“ statt. Wir begrüßen diesen Aufruf ausdrücklich, da auch wir der Überzeugung sind, dass städtischer Raum zu einem Gemeingut werden muss, so dass diejenigen über den Wohnraum verfügen können, die diesen auch nutzen.

Zudem findet am 23. Oktober ein Leerstand-Aktionstag unter dem Tenor „Leerstand zu Wohnraum. Ruckzuck die Mietenfrage lösen“ statt, der von unterschiedlichsten Gruppen aus dem Umfeld der „Recht auf Stadt“- Bewegung initiiert wird. An diesem Tag soll eine öffentliche Besichtigung des größtenteils leerstehenden Astra-Turms auf Sankt Pauli durchgeführt werden. Wir rufen dazu auf, sich an diesem Aktionstag vielfältig zu beteiligen. Und fordern darüber hinaus, sich mit weiteren Aktionen gegen die Wohnungsnot und den Leerstand zur Wehr zu setzen.

Für ein Recht auf Wohnraum! Die Stadt gehört allen!

Quelle: indymedia

Kapitalismus normiert, zerstört, tötet – und vertreibt alles, was kein Geld bringt!

Umsonstladen schon wieder von Räumung bedroht
Kastanienallee 86: Teil-Räumung angekündigt für 31. August 2010, 8 Uhr

Der Investor Brauner will den Umsonstladen in der Kastanienallee 86 räumen lassen. Vor sechs Jahren hat er das Haus gekauft, um sein Geld dort „arbeiten“ zu lassen. Das heißt: Aufhübschen und Aufmotzen des Gebäudes, Mieten rauf und die mittellosen Bewohner_innen gegen die neue zahlungswillige Designer-Szene austauschen.

Das wurde schwieriger als er dachte: Die Hausgemeinschaft, zu der im Hinterhaus das schwule Wohnprojekt Tuntenhaus gehört, hält zusammen und hat Mietverträge. So greifen die Herren als erstes nach dem von den BewohnerInnen gemeinschaftlich genutzten Souterrain-Laden im Vorderhaus. Ein schicker Klamottenladen oder ein feines Weinlokal bringt in dieser Gegend richtig Geld. Jahrelang war in den Kellerräumen eine nichtkommerzielle Galerie, einer der kulturellen Anziehungspunkte der Kastanienallee. Seit dem Frühjahr hat der Umsonstladen dort einen neuen Standort gefunden, nachdem er im vergangenen November in der Brunnenstraße 183 vor die Tür gesetzt wurde – ebenfalls von einem auf Rendite bedachten Investor.

Für Dienstag, den 31. August, morgens um 8 Uhr, hat sich jetzt der Gerichtsvollzieher angekündigt, um rauszuschmeißen, wen immer er im Laden antrifft. Gegen die jetzigen LadennutzerInnen gibt es gar keinen gültigen Räumungstitel, aber das ist den Gerichten und den Schergen egal: Platz da für den Eigentümer und für sein Grundrecht auf Verwertung und Geldvermehrung! Hat er das? Nein, hat er nicht, jedenfalls moralisch nicht. Denn das, was er mit Gentrifizierung und Mietsteigerungen auszubeuten gedenkt, hat er den Menschen enteignet, die er auf die Straße setzen will!

Die Renditeerwartung für Immobilien in der Kastanienallee ist deshalb hoch, weil der Stadtteil mit seinem “radical chic“ zahlungsbereites Publikum von überall anzieht. Die Menschen, die hier ihre Klamotten kaufen und ihren Cocktail schlürfen, versuchen damit teilzuhaben an dem Flair dissidenter, nicht-kommerzieller Lebensweise, die hier mal zuhause war und zum Teil noch ist. Dazu gehören auch die Projekte in dem Doppelhaus Kastanienalle 85/86: der politische Buchladen, das linke Kneipenkollektiv, die Druckerei für linke Propaganda, die Volxküche, die kostenlose, selbstorganisierte Essensverteilung, das Tuntenhaus als Anlaufpunkt für Schwule mit seinen legendären Hoffesten, früher die Galerie und jetzt der Umsonst- und Verleihladen.

Die Investoren schmeißen die Projekte raus und beuten das Image aus, das diese hinterlassen haben! Brauner hat kein Recht, aus der Inwertsetzung nicht-kommerzieller Projekte Kapital zu schlagen. Er hat kein Recht, diesen Laden denen zu enteignen, die sich dem Konsumzwang widersetzen. Die Vertreibung und Zerstörung nicht-kommerzieller Lebensräume muss gestoppt werden.

Kommt alle zum Räumungstermin des Umsonstladens!
Gemeinsames Frühstück am Dienstag, 31. August 2010, 7.30 Uhr (morgens!)

Quelle: ka86

Anarchistisches Netzwerk Südwest gegründet

Am 28. August 2010 wurde im Rahmen einer „Soli-Cocktailbar“ in Mannheim die Gründung des Anarchistischen Netzwerks Südwest gefeiert. Zeitgleich wurde die Webseite des ANS veröffentlicht.

anarchistisches Netzwerk Südwest

¡Viva Libertad!

20 neue Hefte der Anarchosyndikalistischen Flugschriftenreihe online

Der Schwerpunkt liegt diesmal bei der politische Situation in Venezuela.
Insgesamt gibt es auf der Seite nun schon 260 pdf-Dateien. Viel Spaß beim Lesen.
-> klassenkampf.uuuq.com

29.08.2010 Schwarz/Roter Tresen

Am 29.08.2010 findet der nächste Schwarz/ Rote Tresen der ASJ Herne/ Recklinghausen statt. Dieses Mal mit einer Akustiksession. Jede/r kann mitmachen. Instrumente muss natürlich jeder selber mitbringen.

Die Veranstaltung beginnt am Sonntag um 18:00 Uhr und findet im Alternativen Kulturzentrum in Recklinghausen statt.

Quelle: ASJ Herne/Recklinghausen

Theorie

Unsere Rubrik Theorie wurde Überarbeitet und Erneuert, wir werden allerdings natürlich noch weiter an ihr basteln. Wenn ihr Fragen zu unseren Texten anregungen etc. habt schreibt uns eine Mail: afunke@xmail.net

oder direkt über die Kommentar Funktion ;)

Öffentliche Militärverweigerung in Bern

Am Montag, den 23. August 2010 versammelte sich die Kurdische Militärverweigerungsinitiative in Bern, um die Militärverweigerung zweier ihrer Mitglieder bekanntzugeben. Wir solidarisierten uns als Karakök Autonome und nahmen aktiv an der Aktion teil. Ebenfalls waren die Föderation der kurdischen Volksvereine Schweiz sowie die Antifaschistische Initiative Bern gekommen, um die Aktion aktiv zu unterstützen.

Anlass war die Verhaftung des kurdischen Kriegsdienstverweigerers Inan Süver, der am 5.8.2010 in Istanbul festgenommen und anschliessend ins Militärgefängnis Kasimpasa überstellt wurde. Seit dem 9.8.2010 befindet er sich im Hungerstreik und hält trotz schweren Misshandlungen und Folter daran fest, keinen einzigen Tag Militärdienst zu leisten.

Inan Süver hat dazu aufgerufen, dass weitere Menschen ihre Totalverweigerung gegenüber dem Militär bekanntgeben. Er verdeutlicht: “Totalverweigerer stehen für den individuellen Willen, Widerstand zu leisten, aber auch für das Gewissen unserer Gesellschaft. Verhindern wir, dass dieses Gewissen zum Schweigen gebracht wird! Das Nein zum Krieg ist ein wichtiger Schritt zur Beendigung des jeweiligen Krieges. Niemand kann verurteilt oder gefangen genommen werden, weil er verweigert, zu töten”.

Um uns mit Süver sowie allen Totalverweigerern zu solidarisieren, haben wir uns am Montag auf dem Helvetiaplatz in Bern versammelt. Dort gaben zwei Aktivisten der kurdischen Militärverweigerungsinitiative ihre Militärverweigerung öffentlich bekannt und verlasen jeweils ein Statement. Ausserdem verlasen die Föderation der kurdischen Volksvereine Schweiz sowie wir unsere Solidaritätserklärungen.

Eigentlich war vorgesehen, vom Helvetiaplatz aus gemeinsam zur türkischen Botschaft zu marschieren, was jedoch von der Polizei verhindert wurde. Dafür überbrachten drei Delegierte der kurdischen Militärverweigerungsinitiative im Anschluss an die Aktion ein vorbereitetes Dossier ans Konsulat.

Untenstehend der Text unserer Rede sowie einige Fotos:

Wir sind heute gekommen, um unsere Solidarität mit der Militärverweigerungsbewegung zum Ausdruck zu bringen. Einen bestehenden Zustand zu verweigern, ist der erste Schritt zur Etablierung einer neuen gesellschaftlichen Realität.

Als AnarchistInnen kämpfen wir für eine kollektive Welt ohne Klassen und Grenzen. Staaten und Nationen sind ein fiktives Konstrukt der herrschenden Institutionen. Es ist unterdrückerisch, Menschen voneinander zu isolieren, indem künstliche Grenzen zwischen Lebensräumen gezogen werden. Dieser künstliche Zustand konnte nur mit Gewalt errichtet und aufrechterhalten werden.

Das Militär dient als Mechanismus, um dieses konstruierte System der Staaten und Regierungen zu schützen und es zu verteidigen. Um seine Herrschaft aufrechtzuerhalten, wendet es Unterdrückung und Gewalt gegenüber allen Lebewesen an. Die Regierungen der Welt schüren und provozieren politische, ökonomische und soziale Konflikte, um anschliessend das Militär einzusetzen. Um ihre ausbeuterische Herrschaft aufrechtzuerhalten, sind Regierungen auf eine bewaffnete Gewalt angewiesen. Dass es eine Institution wie diejenige des Militärs überhaupt gibt, ist der beste Beweis für die Ungerechtigkeit, Unterdrückungs- und Ausbeutungspolitik des herrschenden politischen Systems. Wäre dieses System nicht auf Ungerechtigkeit aufgebaut, gäbe es keine Kriege und keinen Bedarf nach einem militärischen Verteidigungsmechanismus. Aufgrund dieser Tatsachen ist die Verweigerung des Militärdienstes ein bedeutendes Stück Dynamit, das an die Pfeiler dieses Systems gelegt werden kann.

Wir solidarisieren uns mit allen Militärdienstverweigerern und überbringen gleichzeitig solidarische Grüsse unseres Freundes und Genossen Halil Savda. Er ist heute im Herzen bei uns in Bern. Gleichzeitig fordern wir die sofortige Freilassung von Inan Süver.

Wir sind gezwungen, Zeit unseres Lebens als LohnsklavInnen zu arbeiten, an der Front zu sterben und Grenzen zu verteidigen, um die Position der herrschenden Institutionen noch mehr zu stärken. Doch wir akzeptieren keine Grenzen, keine Klassen und keine Staaten. Wir wollen nicht Teil eines hierarchischen, ausbeuterischen und ungerechten Systems sein und es schon gar nicht mit Gewalt verteidigen. Lasst uns gemeinsam den Kapitalismus, Nationalismus, Faschismus, Sexismus und Speziesismus stürzen und an ihrer Stelle eine neue, befreite Gesellschaft beleben.

Isyan! Devrim! Anarsi! – Aufstand! Revolution! Anarchie!

Karakök Autonome türkei/schweiz

Quelle: karakok.wordpress.com

Interview mit www.leiharbeit-abschaffen.de

Im Juni gab die Bundesagentur für Arbeit bekannt, dass mittlerweile mehr als ein Drittel der gemeldeten offenen Stellen Jobs bei Zeitarbeitsfirmen sind. Die Krise hat also mittelfristig nicht etwa dazu geführt, dass die Leiharbeit abnimmt. Im Gegenteil, viele Firmen haben gesehen, wie einfach es für sie ist, LeiharbeiterInnen wieder los zu werden, wenn die Lager voller und die Auftragsbücher leerer werden. Das hat offensichtlich Appetit auf mehr gemacht. Vor genau dieser Entwicklung warnte schon im Spätsommer 2009 die Kampagne „Leiharbeit abschaffen“. Zum Hintergrund, zur aktuellen Lage und zu den Möglichkeiten, sich zu beteiligen, führten wir dieses Interview.

Wie steht ihr zur jüngsten Forderung nach einem Mindestlohn für Leiharbeit?

Wer Mindestlohn in der Leiharbeit fordert, möchte, dass LeiharbeiterInnen weniger erhalten, als ihnen nach deutschen und EU-Recht zusteht. In den entsprechenden Gesetzen ist nämlich festgelegt, dass für LeiharbeiterInnen „Equal Pay“ gelten muss – also „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ wie die Stammbelegschaften. Diese gesetzliche Regelung kann allerdings ausgehebelt werden, wenn sich willige Gewerkschaften finden, die mit den Bossen Tarifverträge unter dem gesetzlichen Niveau ausdealen. Und die haben sich in Deutschland schnell gefunden: Sowohl die gelben christlichen „Gewerkschaften“, als auch die DGB-Tarifgemeinschaft Zeitarbeit hat solche Dumping-Verträge abgeschlossen und damit die LeiharbeiterInnen um ihren gesetzlichen Lohn auf Basis von „Equal Pay“ beklaut. Übrigens nicht nur die Mitglieder dieser Gewerkschaften, sondern alle LeiharbeiterInnen. Wenn DGB-Chef Sommer jetzt einen gesetzlichen Mindestlohn für die Leiharbeit fordern, läuft das darauf hinaus, dass der Staat seinen Gewerkschaften bei dem von ihnen angerichteten Schlamassel zur Seite springen soll.

Warum glaubt ihr, wollen DGB und die „Bundesvereinigung der deutschen Arbeitergeberverbände (BDA)“ gemeinsam einen Mindestlohn in der Zeitarbeit?

Sie wollen gemeinsam die Leiharbeit, also den organisierten Sklavenhandel, retten, um die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland zu bewahren. Die deutsche Exportindustrie braucht die „Flexibilität“, die ihr das Heuern und Feuern von Leiharbeit ermöglicht. Und sie braucht sie natürlich auch, um den Lohndruck auf die Stammbelegschaften und Arbeitsverdichtung zu erhalten oder zu steigern. Damit das so bleibt, müssen Bosse und DGB-Gewerkschaften verhindern, dass „Equal Pay“ zum Tragen kommt. Da aber die Mitgliedsgewerkschaftem des DGB in der Leihbranche kaum Mitglieder haben, ist es fraglich, ob sie ihre Gefälligkeitstarifverträge auf dem Rücken aller LeiharbeiterInnen auf Dauer aufrecht erhalten können. In dieser Situation ist ein allgemeinverbindlicher gesetzlicher Mindestlohn eine prima Waffe zur Sicherung des Niedriglohnniveaus in der Leiharbeit. Wir reden da ja auch nicht über ein Mindestlohn von € 15,- pro Stunde, sondern über etwas, das allenfalls minimal über den derzeitigen Dumping-Tarifen liegen wird.

Warum meint ihr, würde ein Mindeslohn die Leiharbeit retten?

Müssten die Firmen die Löhne nach dem gesetzlichen „Equal Pay“ zahlen, wäre der Großteil der Leiharbeitsbranche rasch am Ende. Das hat zwei Gründe. Zum einen würden die Lohnkosten den Flexibilitätsvorteil der Firmen, die Leiharbeit einkaufen, aufzehren. Für die Entleihbetriebe ist die Leiharbeit ja nicht unbedingt billiger. Wir wissen, dass viele Sklavenhändler für jeden Euro Lohn, den sie den LeiharbeiterInnen bezahlen, drei Euro an ihre Kunden berechnen. LeiharbeiterInnen werden eingesetzt, weil man sie flexibel heuern und feuern kann. Aber es es gibt für die Entleihbetriebe einen Punkt, wo sich diese „Flexibilität“ finanziell nicht mehr lohnt.
Müssten die Entleihbetriebe mangels Gefälligkeittarifverträgen „Equal Pay“ bezahlen, bliebe für die Leiharbeitsfirmen nur noch so wenig übrig, dass die meisten ihr Geschäft einstellen würden. Der zweite Grund ist, dass bei „Equal Pay“ die Firmen gegenüber den Sklavenhändlern und diese gegenüber den Leihsklaven offenlegen müssten, was die Stammbelegschaften verdienen. Dazu wären die wenigsten bereit.

Was sagt ihr zum sprunghaften Anstieg der Leiharbeitszahlen?

Wir haben schon vor einem Jahr, mitten in der ersten Krisenwelle, gesagt, das die Krise nicht dazu führen wird, dass die Leiharbeit verschwindet. Wir haben im Gegenteil prognostiziert, dass die Krise zu einem Boom der Leiharbeit führen wird. Wir sind dafür von manchen belächelt worden, weil man zu der Zeit überall lesen konnte, dass die Entleihbetriebe als erstes die LeiharbeiterInnen „abbestellt“ haben und dann ihre Stammbelegschaften in Kurzarbeit geschickt oder Leute entlassen haben. Im Juli verkündete nun die Bundesanstalt für Arbeit, dass mittlerweile jede dritte gemeldete offene Stelle ein Job beim Sklavenhändler ist. Wir haben ja nicht wirklich Spass daran, dass wir mit unserer Prognose richtig gelegen haben. Aber wer eins und eins zusammenzählen kann, musste einfach zu diesem Ergebnis kommen. Die Wirtschaft ist hochgradig verunsichert und traut dem ganzen Boomgerede wenig, zumal sich das ja auch nur auf die exportorientierten Sektoren bezieht, während die ganze Binnenkonjunktur zusammen zu brechen droht, wenn es ab Herbst darum gehen wird, dass wir die Kosten für die Rettung des Kapitals bezahlen sollen. Gleichzeitig haben sie gesehen, wie einfach und elegant man LeiharbeiterInnen wieder los wird, wenn es sich in den Lagern staut oder die Auftragsbücher leerer werden. Und wie gut man häufig LeiharbeiterInnen zugleich als Ventil und als Folterinstrument für die Stammbelegschaften verwenden kann, um Lohnsenkungen und Arbeitsverdichtung durchzusetzen. Und dann darf man natürlich nicht vergessen, dass Leiharbeit ja noch in einer ganz andere Funktion gebraucht wird. Sie ist mittlerweile die schärfste Waffe im Kampf der Arbeitsagenturen gegen ihre „Klienten“.

Was meinst ihr damit denn ihr von LeiharbeiterInnen als „Waffe“ der Arbeitsagenturen sprecht?

In vielen Arbeitsagenturen ist es mittlerweile der Normalfall, dass man von dort sofort zum Sklavenhändler geschickt wird. Man könnte fast meinen, dass in vielen Gebieten die Arbeitsagentur sich nur noch um die Statistikverwaltung und die Sanktionen kümmert, während sie das „Vermittlungsgeschäft“ an die lokalen Leiharbeitsfirmen abgetreten hat. Beide Seiten arbeiten Hand in Hand, wenn es darum geht, die Arbeitslosen in mies bezahlte Jobs mit miserablen Arbeitsbedingungen zu pressen und sie zu sanktionieren, wenn sie soviel Würde bewahrt haben, dass sie es ablehnen, sich auf diese Weise verwerten zu lassen. Deshalb sprechen wir von einer „Waffe“. Die Leiharbeit ist genauso eine Waffe gegen unsere Klasse, wie die Hartz-Reformen eine Waffe gegen uns sind. Alle haben anfangs nur auf den Teil von uns geschaut, der vermeintlich alleine betroffen – weil gerade arbeitslos – war. Viel zu spät aber haben viele begreifen, dass das eigentliche Ziel nicht der Teil der Klasse war, der arbeitslos ist, sondern diejenigen von uns, die man in den Betrieben und Büros gefügig machen wollte, indem man uns die anderen quasi als „Folterinstrument“ vor Augen gehalten hat. Frei nach dem Motto „schau, was dir passiert, wenn du aufmuckst oder mehr Lohn haben möchtest!“. Nicht nur die Bosse also brauchen möglichst viel Leiharbeit, sondern auch die Arbeitsagenturen.

Vor rund einem Jahr habt ihr Aktionen unter dem Motto „Leiharbeit abschaffen – gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ gestartet. Was wollt ihr damit bezwecken?

Unser Anliegen war und ist in erster Linie, uns wirksam gegen unsere Arbeitsbedingungen in der Leiharbeit zu wehren. Das ist für Leihsklaven häufig noch viel schwieriger, als für andere ArbeiterInnen, weil viele von uns ja nur zeitweise in einem bestimmten Entleihbetrieb sind. Dort ist das dann häufig so organisiert, dass wir von den ArbeiterInnen der Stammbelegschaft getrennt gehalten werden und dass es schwierig ist, ins Gespräch zu kommen. Unser Boss ist ja nicht der Boss der anderen, sondern der Sklavenhändler. Das wichtigste Ziel von „Leiharbeit abschaffen“ ist also erst einmal, dass es ein Instrument ist, uns zu organisieren und mit anderen LeiharbeiterInnen in Kontakt zu treten. Dazu ist es aber häufig nötig, erst einmal Informationen zu verbreiten. Die wenigsten wissen ja, auf welcher Basis die Leiharbeit seit 2005 massiv ausgeweitet wurde. Und kaum jemand führt sich vor Augen, dass LeiharbeiterInnen gleich an drei Fronten kämpfen müssen: gegen den Sklavenhändler, mit den KollegInnen im Entleihbetrieb und auf der überbetrieblichen Ebene gegen diejenigen Gewerkschaften, die mit ihren Gefälligkeitstarifverträgen die Ausweitung der Leiharbeit abgesichert und überhaupt erst möglich gemacht haben. Wir haben seit dem letzten Sommer u.a. tausende von Flugblättern verteilt und daraufhin extrem positive Reaktionen erhalten. Den meisten Leuten hat die Kinnlade geknackt, als sie verstanden haben, was für ein Spiel Politik, Bosse und Gewerkschaften da mit den LeiharbeiterInnen spielen. Und den wenigsten LeihsklavInnen, mit denen wir gesprochen haben, war zuvor klar, dass es sowas wie „Equal Pay“ überhaupt gibt.

Was macht ihr für Aktionen im Rahmen von „Leiharbeit abschaffen“?

Mittlerweile ist es gar nicht mehr so einfach, noch den Überblick zu behalten. Es gibt Gruppen gegeben, die machen „Leiharbeits-Stadtrundgänge“. Das bedeutet, dass sie durch ihre Stadt ziehen, die Leute ansprechen und informieren und an den Leihklitschen z.B. Redebeiträge halten. In Frankfurt/Main haben wir das sehr erfolgreich mit bis zu 150 Leuten gemacht. Andere Gruppen haben Leiharbeitsmessen besucht und dort informiert und kritisch nachgefragt. Zu diese Messen werden die Arbeitslosen von ihren FallberaterInnen gepresst und das häufig mit Sanktionsdrohungen. Anderswo werden in großem Stil Flyer verteilt. In einer Stadt gab es Leute, die ein Festbankett eines Sklavenhändler-Verbandes durch ihre Anwesenheit ein wenig aufgemischt haben. Andernorts sind Gruppen entstanden, die lokal den Kampf gegen die Leiharbeit in Angriff genommen haben. „Leiharbeit abschaffen“ wurde von verschiedenen Syndikaten der FAU ins Leben gerufen. Mittlerweile beteiligen sich aber auch viele andere und machen Aktionen. Die FAU kann übrigens durchaus ein wenig stolz darauf sein, dass sie die einzige Gewerkschaft ist, die bislang einen Arbeitskampf bei einem Sklavenhändler geführt und auch noch gewonnen hat.

Wie können sich Leute über „Leiharbeit abschaffen“ informieren und sich beteiligen?

Sie können z.B. einfach die lokalen Syndikate der FAU ansprechen. Oder auf unserer Website www.leiharbeit-abschaffen.de vorbeischauen. Da gibt es jede Menge Artikel und Material zum Thema und Möglichkeiten, mit uns in Kontakt zu treten. Wir freuen uns auf euch!

Quelle: FAU.org
weitere Infos: leiharbeit-abschaffen.de

Leiharbeit ist die moderne From des Menschenhandelns!
Leiharbeit und Lohnarbeit abschaffen!

Flyer

Unter der Rubrik Flyer findet ihr absofort unseren neuen Flyer Für die Befreiung von Mensch und Tier. Das PDF Format folgt in Kürze.