Nachtrag zum Thema Briefbomben

Wie bereits von uns angekündigt folgt nun ein ausführlicher Artikel über die Aktionsform von Briefbomben und der dahinter stehenden Motivation. Da es mehrfach Kritik an unserem letzten Artikel zur informellen FAI und deren Briefbomben gab, haben wir uns dazu entschlossen unsere Position ausführlicher darzustellen.

1.Welche Motivation liegt hinter dem Versuch bestimmte Menschen, die das System repräsentieren, zu verletzen oder umzubringen und was soll damit erreicht werden?

Ziel solcher Aktionen ist es das System und die Herrschenden angreifbar zu machen. Es soll gezeigt werden, dass der Widerstand in der Lage ist bestimmte Personen anzugreifen und auszuschalten. Hiermit soll unter den Herrschenden ein Klima der Angst geschaffen werden.
Es ist fraglich ob die Herrschenden sich von solchen Aktionen überhaupt einschüchtern lassen. Diese Personen sind so gut geschützt, dass die Wahrscheinlichkeit „erfolgreicher“ Anschläge sehr gering ist. Wie sich bei dem Beispiel Ackermann gezeigt hat, werden alle Briefe an solche Personen mehrfach gescannt und untersucht bevor sie ihr Ziel erreichen können. Da die Motivation der Herrschenden Profitgier und der Erhalt und die Ausdehnung der eigenen Macht ist, werden sie sich nicht durch Attacken einschüchtern lassen und ihr Handeln nicht überdenken oder verändern. Beispielsweise hat es die „Rote Armee Fraktion“ hervorragend verstanden ein Angstszenario zu erschaffen. Trotzdem waren die Auswirkungen der RAF durchweg negativ und hatten keinen positiven Einfluss auf die Entscheidungen der Herrschenden.

Weiter geht es darum symbolische Aktionen durchzuführen, welche medienwirksam verbreitet werden.
Es ist wahr, dass gerade militante Aktionen ein großes Medienecho erfahren. Deswegen sind Briefbomben so schädlich für unsere Bewegung. Denn Briefbomben können jeden treffen und erzeugen somit Angst unter der gesamten Bevölkerung, anders als Aktionen, welche sich gezielt gegen Institutionen richten. Briefbomben können beispielsweise jeden treffen, der im Postwesen arbeitet. Deßhalb bezeichneten wir diese Anschläge als Terror. Terror bedeutet nicht mehr und nicht weniger als Angst und Schrecken zu verbreiten. Terror bewirkt, dass sich viele Menschen nicht nur bedroht fühlen, sondern auch Antipathie gegen die Verursacher solcher Aktionen entwickeln können. Dies wird durch die bewusste Berichterstattung von Medien und Staat nur noch verstärkt. Es ist auch fraglich ob solche Aktionen bewirken, dass sich herrschaftskritische Ideen weiter verbreiten und sich mehr Menschen dem Kampf für eine emanzipierte Gesellschaft anschließen. Ein gezielter Angriff auf das Kapital eines Großkonzerns, bei dem vielleicht schon bekannt ist, dass dieser Konzern seine Arbeiter ausbeutet, kann jedoch sehr wohl Sympathien in der Bevölkerung wecken, wenn dadurch keine einfachen Arbeiter geschädigt werden.

Wie ihr vielleicht schon an den bisherigen Argumenten bemerkt habt, beruht die Motivation solcher Aktionen wie Briefbomben auf der Personifizierung des kapitalistischen Systems. Einzelpersonen werden als Sündenböcke dargestellt und für alle Missstände in dieser Gesellschaft herangezogen. Dabei ist das kapitalistische System sehr komplex und ist nicht von einzelnen austauschbaren Personen oder Gruppen abhängig. Exemplarisch dafür ist der von links bis rechts verbreitete Antisemitismus, bei dem eine bestimmte Bevölkerungsgruppe angeblich „die Fäden ziehen“ würde. Dabei ist es wichtig festzuhalten, dass jedes einzelne Individuum eine Verantwortung trägt, denn egal wie stark jeder in seiner Funktion für das kapitalistische System eingebunden ist, es gibt immer einen persönlichen Handlungsspielraum sich dem System zu widersetzen. Der Grund für die tägliche Unterdrückung liegt nicht bei einigen wenigen, sondern bei allen, welche Teil dieser Gesellschaft sind und sich nicht effektiv gegen die Herrschenden Zustände stellen. Die Erhaltung dieses Systems beruht nicht auf bestimmten Personen oder Gruppen, sondern auf der Reproduktion von Herrschaftsdenken und hierarchischen Verhaltensmustern in allen Lebensbereichen. Dieses Denken und Verhalten wird durch Institutionen nur noch verstärkt und verteidigt.

Der Staat ist ein Verhältnis, […] ist eine Art, wie die Menschen sich
zueinander verhalten; und man zerstört ihn, indem man andere Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält.

-Gustav Landauer-

…aber vergessen wir nie, das wir Anarchisten weder Rächer noch Richter sein können, wir wollen Befreier sein und als solche muss unsere Aktion in Aufklärungsarbeit und beispielhaften Taten bestehen.“ -Errico Malatesta-

Es gibt kein Gut und kein Böse. Niemand hat das Recht über das Leben eines anderes Individuums zu entscheiden, selbst wenn dieses Individuum in seinem Leben über andere gerichtet hat.

2.Was sind die Konsequenzen von derartiger Aktionen für die anarchistische Bewegung?

Es ist offensichtlich, dass Briefbomben und ähnlich Propaganda der Tat (gezieltes Töten von Menschen) noch stärkere Repression hervorrufen. Durch solche leicht zu diskreditierenden Aktionen wird es dem Staat besonders einfach gemacht diese Repression zu legitimieren. Denn durch die hervorgerufene Angst wächst in der Bevölkerung die Akzeptanz für reaktionäre Maßnahmen und einen totalitären Überwachungsstaat. Außerdem wird die anarchistische Bewegung sowie ihre Ideen auf Gewalt und Brutalität reduziert. Natürlich wird der Staat immer Repression auf die anarchistische Bewegung ausüben, vor allem wenn wir in die Offensive gehen. Wir dürfen uns allerdings nicht wundern, wenn als Folge solcher blinder und unreflektierter Aktionsformen militante Aktionen allgemein noch stärker verurteilt und verunmöglicht werden. Schon immer war die anarchistische Bewegung stärkster Repression ausgesetzt. Wir rufen hiermit nicht zur Passivität oder kompromisslosem Pazifismus auf, sondern wir sehen uns in der Pflicht unsere Aktionen zu hinterfragen und immer wieder neu zu entwickeln.

Wahrscheinlich wird es immer Menschen geben, die sich allein durch die Gewalt solcher Aktionen angesprochen fühlen, unabhängig davon welche Ursachen und Ziele damit in Verbindung stehen. Für den anarchistischen Revolutionär sollte die Gewalt niemals vor dem Ziel einer herrschaftsfreien Welt stehen. Die angewendeten Methoden sollten dem angestrebten Ziel gerecht werden.

Hass erzeugt nicht Liebe und durch Hass wird die Welt nicht erneuert. (…)Und die Revolution des Hasses würde entweder völlig scheitern oder aber einer neuen Unterdrückung platzmachen, die sich vielleicht anarchistisch bezeichnen, aber nicht destoweniger Unterdrückung wäre und nicht versäumen würde, die Folgen zu zeitigen, die jede Unterdrückung mit sich bringt.
-Errico Malatesta-

Wir respektieren und unterstützen alle Menschen die für eine befreite Gesellschaft kämpfen. Selbstverständlich muss jeder seinen eigenen Weg finden, dabei aber auch offen für konstruktive Kritik Gleichgesinnter sein. Die jahrzehntelange Diskussion über derartige Aktionsformen brachte immer wieder den von uns erwähnten Widerspruch hervor und deswegen wurde die „Propaganda der Tat“ schon immer massiv kritisiert. Sowohl militante als auch friedliche Methoden sind im Kampf für Emanzipation angebracht und wichtig, denn gerade die Vielfalt ist ein anarchistisches Merkmal. Vielfalt welche aber nicht dem anarchistischen Grundgedanken widersprechen darf.

Die Zerstörung des Alten muss die Schaffung des Neuen in sich tragen.

Zur Geschichte der „Propaganda der Tat“ empfehlen wir das 28. Kapitel des Buches „Freiheit pur – Die Idee der Anarchie, Geschichte und Zukunft“ von Horst Stowasser. Als PDF-Datei unter folgendem Link zum herunterladen: mama-anarchija.net
PS: Beim ersten Link ist es nicht möglich Textpassagen zu kopieren, deßhalb hier ein Link unter dem das möglich ist: scribd.com

Es dauerte nicht lange, bis sich bei den Libertären die Erkenntnis wieder durchgesetzt hatte, dass Terror kein Weg sein konnte und durfte. Das war im Anarchismus theoretisch auch nie anders gesehen worden. Aber die Dynamik, die jene entfesselten, die glaubten, zwischen „revolutionärer Gewalt“ und „Terror“ eine saubere Grenze ziehen zu können, setzte starke Emotionen und zeitweise auch gewisse Sympathien frei.
-Horst Stowasser-

anarchistischer Funke


4 Antworten auf „Nachtrag zum Thema Briefbomben“


  1. 1 chiflado 10. Januar 2012 um 21:39 Uhr

    netter artikel, hier ergänzend die broschüre „propaganda der tat“(Libertad Verlag Berlin)

    http://radiochiflado.blogsport.de/2011/01/16/die-propaganda-der-tat/

    libertäre gruesse

  2. 2 ana schie 11. Januar 2012 um 10:05 Uhr

    http://www.ebook3000.com/politics/Horst-Stowasser---Anarchie---Idee---Geschichte---Perspektiven_95526.html

    hier ein link (der erste von den beiden funktioniert) zur Endfassung des Buches „Anarchie“

  1. 1 Zur Briefbombe an Ackermann… « lippe*alternativ Pingback am 23. Januar 2012 um 20:41 Uhr
  2. 2 Zur Briefbombe an Ackermann… « lemgo*alternativ Pingback am 01. Februar 2012 um 18:11 Uhr
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