Schweiz: ANARCHISTISCHE BUCHMESSE 2013

2010 fand zum ersten Mal in der zweisprachigen Stadt Biel/Bienne eine anarchistische Buchmesse statt. Mit gut 500 BesucherInnen, mehr als zwei Dutzend AusstellerInnen und Vorträgen zur Theorie und Praxis des Anarchismus war die Veranstaltung ein voller Erfolg. Aufgrund dieser Erfahrung wurde der Entschluss eine Buchmesse auf der Sprachgrenze zu veranstatlten auch 2011 gefasst. Eine Nummer grösser war die Buchmesse 2012, als sie während dem Internationalen Anarchistischen Kongress in St. Imier stattfand und den Grossteil eines Eishockeyfeldes einnahm. Die Stände wurden von AusstellerInnen aus weit über einem Dutzend Ländern in acht Sprachen belegt. Die allseits beliebte Buchmesse soll auch dieses Jahr wieder stattfinden. Dieses Mal wieder am gewohnten Ort im Herzen von Biel/Bienne allerdings etwas später im Jahr vom 20.-22. September.

Vor gut 30 Jahren kam bei einer Handvoll Londoner AnarchistInnen unter dem Eindruck einer sich sozialistisch nennenden, doch stinklangweiligen, teuren und von vielen grossen Verlagshäusern frequentierten Buchmesse der Wunsch auf, einen eigenen solchen Anlass durchzuführen. Das Attribut „anarchistisch“ oder „libertär“ in der rasch auf die Beine gestellten „Anarchist Bookfair“ bezog sich einerseits auf die angebotenen Verlagsprogramme und anderseits auf eine bestimmte Auffassung, wie der Anlass auszusehen habe. Es ging nicht nur darum, möglichst viele Bücher zu verkaufen und viele Menschen für den Anarchismus zu interessieren, sondern auch darum, eine Plattform für AktivistInnen und eine Vielfalt an weiteren kulturellen Veranstaltungen zu bieten. Spezifisch anarchistische Auffassungen, die viel Wert auf die individuelle Freiheit legen, sollten zudem an der Buchmesse gelebt werden: Rassismus, Sexismus, Homophobie usw. hatten am Anlass nichts verloren, dagegen wurde viel Wert auf die „do-it-yourself“-Haltung von BesucherInnen und AnbieterInnen, Solidarität und Strukturen zur basisdemokratischen Entscheidungsfindung gelegt.
Der „Anarchist Bookfair“ war das erste Mal kein Glück beschieden: Gerade einmal ein halbes Dutzend AusstellerInnen nahmen am Anlass teil, und nachdem sich kaum einE BesucherIn blicken liess, entschieden sich die Anwesenden kurzerhand, die Buchmesse in ein Billard-Turnier umzufunktionieren. Doch der Enthusiasmus blieb auch nach dieser ernüchternden Erfahrung, und der Anlass wurde Jahr für Jahr bekannter, konnte mehr libertäre Verlage und Interessierte anziehen und grössere Veranstaltungen realisieren. Die Buchmesse wurde im Laufe der Jahre so beliebt, dass sie dieses Jahr bereits zum 30. Mal durchgeführt wird. Ganz unbescheiden meinen die Veranstalterinnen und Veranstalter denn auch, dass sie der grösste und wichtigste regelmässig stattfindende anarchistische Anlass der Welt sei. Die Zahlen sind tatsächlich auch ziemlich beeindruckend: 100 Bücherstände, 40 Veranstaltungen und rund 3000 BesucherInnen – und das jeweils an nur einem Messetag.

Doch längst ist die „Anarchist Bookfair“ nicht mehr die einzige ihrer Art, so dass ihre Organisatorinnen und Organisatoren dazu übergegangen sind, die Betonung auf „von London“ zu legen. Alleine in Grossbritannien sind im Laufe der letzten Jahre ein gutes halbes Dutzend weitere anarchistische Buchmessen begründet worden. In Kanada und in den USA hat mensch als literarisch interessierteR AnarchistIn schon fast die Qual der Wahl – zwischen Frühling und Herbst gibt es kaum ein Wochenende, an dem nicht irgendwo ein solcher besagter Anlass stattfindet. Auch in Lateinamerika, wo anarchistische Buchläden und Bibliotheken eine grosse Tradition haben, gab es in den vergangenen Jahren einige Versuche, so zum Beispiel in Monterrey (Mexiko) und São Paulo (Brasilien).

Schliesslich tut sich auch auf dem Europäischen Festland in den letzten Jahren einiges in dieser Sache: Seit 2003 findet alle paar Jahre die „Balkan Anarchist Bookfair“ statt (2003 in Ljubljana, 2005 in Zagreb, 2008 in Sofia und 2009 in Thessaloniki); ebenfalls in Osteuropa gibt es seit 2006 die jährlich durchgeführte „Anarhistički sajam knjiga“ in Zagreb und weitere eine anarchistische Buchmesse in Poznan (Polen). In Westeuropa fallen vor allem die Spanischen Genossinnen und Genossen auf, die in verschiedenen Städten (Barcelona, Bilbao, Madrid, Valencia) regelmässig stattfindende „ferias del libro anarquista“ durchführen. Aber auch in Paris, Gent, Florenz, Lisabon, Dublin und 2010 mit Oberhausen zum ersten Mal in Deutschland gab es bereits entsprechende Anlässe. Die Konzepte haben sich über die Jahre kaum geändert, wenn auch die jeweiligen Programme sich massiv ausgeweitet haben: Viele der Anlässe sind heute Buchmessen, Kulturtage, Kleinkunstbühnen, Vortragsreihen, Filmzyklen und Begegnungsräume in einem.

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