Blick nach Kobane – Reisebericht eines Aktivisten der Karakök Autonome

Nun bin ich in Suruc angelangt, einer Stadt in der türkei, welche die Grenze zu Syrien bildet. Der Krieg ist allgegenwärtig. Hier ist das türkische Militär präsent mit seinen Panzern, Wasserwerfern. Die Bevölkerung im Dorf, in welchem ich mich aktuell aufhalte, besteht manchmal nur aus einigen Hundert Menschen, manchmal sind es mehrere Tausend. Viele flüchten von hier, viele kommen aber auch, weil sie über die Grenze möchten, um sich dem Widerstand in Kobane anzuschliessen, in den Reihen der YPJ/YPG zu kämpfen, Lebensmittel zu bringen, mitanzupacken, auf irgendeine Art zu helfen. Es herrscht eine ständige Fluktuation. Immer wieder geht das türkische Militär zum Angriff über, setzt Wasserwerfer oder Tränengas ein, um die Menschen von hier zu vertreiben. Die türkei möchte eine Unterstützung der kurdischen Kämpfer_innen möglichst verhindern.

Rückeroberter Hügel in Kobane

Ich spreche mit Menschen aus Kobane, die hierher nach Suruc geflüchtet sind. Sie erzählen mir von den Volksversammlungen, von den Selbstverwaltungsstrukturen. Bevor ich kam, war ich nicht sicher, ob die Berichte, die wir hören und lesen, stimmen. Könnte es sein, dass die Erzählungen von Rojava, der befreiten Region, beschönigt werden? Dass mir Bewohner_innen davon berichten werden, dass die Selbstverwaltungsstrukturen gar nicht den ganzen Alltag prägen, sondern nur am Rande vorhanden sind, während Parteien die wesentliche Regierung bilden? Fragen über Fragen… Als ich jedoch mit den Bewohner_innen spreche, merke ich, dass meine Zweifel nicht berechtigt sind – im Gegenteil: ich entwickle noch grössere Achtung vor den Entwicklungen hier, als ich die Berichte direkt aus erster Hand, von Jugendlichen, Frauen oder Greisen höre. Sie schildern mir die Volksversammlungen, davon, dass alles im Kollektiv besprochen und entschieden wird, dass die gesamte Verwaltung von unten ausgeht, von den Frauenkomitees, von den Kommunen. Mich verblüfft jedoch, dass die Strukturen für die Bewohner_innen von Rojava gar nicht so bedeutend sind, wie dies für uns aus Tausenden Kilometern Entfernung oft ist. Für sie ist es Alltag. Sie sprechen nicht von einer Revolution, sondern berichten einfach über etwas, das für sie selbstverständlich und alltäglich ist. Es ist nichts Besonderes dabei. Eine ältere Frau erzählt mir von den Strukturen in Rojava und malt damit ein Bild einer reellen libertären Gesellschaft, ohne jedoch mit theoretischen Begriffen oder Namen irgendwelcher libertärer Gurus um sich zu werfen. Vermutlich kennt sie diese auch gar nicht und es spielt auch gar keine Rolle. Begriffe und Namen sind überflüssig, wo etwas Realität ist.

Weiter fällt mir auf, dass manche bewusst hinter den Strukturen in Rojava stehen. Manche jedoch finden die ganze Sache alles andere als toll. Eine aus Kobane geflüchtete Bewohner_in sagt mir, sie wünsche sich, dass in Rojava ein Staat errichtet wird. Als ich sie frage, weshalb, meint sie: “Dann müssen wir nicht immer alles selber machen, sondern die Politiker können das Wesentliche organisieren und entscheiden”. Weiter berichtet sie, dass sie 90% des Ertrags ihres Nutzlandes habe an Regionen, die über keine Landwirtschaft verfügen, abgeben müssen. Dies, weil in der Volksversammlung entschieden worden sei, dass die Güter möglichst gleichmässig verteilt werden, um die Bedürfnisse aller decken zu können. Es sollte kein Überfluss an einem Ort und ein Mangel an einem anderen Ort entstehen. Die Frau, mit der ich spreche, würde aber lieber den ganzen Ertrag für sich behalten – oder zumindest einen grösseren Teil.

Ich sehe, wie lebendig die Umwälzung in Rojava ist und welche Diskrepanzen sie auch in sich hat. Unter einer Diktatur würden alle gleich denken. Hier gibt es verschiedene Ansichten, die auch offen kommuniziert werden. Ich weiss von einer Umfrage, welche in Rojava vom Komitee für Forschung und Statistik durchgeführt worden war. Ziel war es gewesen, zu eruieren, welches politische System sich die Bewohner_innen wünschen. Fast 70% standen hinter der Idee des Demokratischen Föderalismus. Rund 30% wünschten sich ein anderes System, beispielsweise einen islamischen oder nationalistischen Staat oder ein kapitalistisches System.

Trotz allem besteht die Region seit nunmehr einem Jahr und erweist sich als stärker, als von allen eingeschätzt. Als der IS in Kobane einmarschierte, gingen alle davon aus, dass die Stadt in wenigen Tagen eingenommen werden würde. Doch die Bevölkerung leistet Widerstand. Alle halten Wache, haben sich bewaffnet. Nun ist der IS auf dem Rückmarsch, immer mehr Teile von Kobane werden rückerobert.

Es geht weiter.

Quelle: klick